Was ich aus schrecklichen Nebenjobs über die richtige Berufswahl gelernt habe

Lesedauer: 5 Minuten

Neulich habe ich mit einer Freundin darüber gesprochen, wie und wo man einen guten Praktikumsplatz findet. Ihr Sohn geht in die achte Klasse, Zeit für das erste Schülerpraktikum. Nicht ganz unwichtig, da es die erste Berufserfahrung im Leben ist. Wegen Corona wurde das dann zwar abgeblasen. Aber es brachte mich dazu, über meine eigenen, zumeist schrecklichen ersten Jobs nachzudenken – und was ich aus ihnen gelernt habe.

Es gibt nämlich eine ganze Menge, das man aus skurrilen Praktika oder seltsamen Nebenjobs mitnehmen kann. Mein Schülerpraktikum in der neunten Klasse etwa verbrachte ich in einer Zoohandlung. Ich mochte Tiere sehr gern und wäre lieber in einen richtigen Zoo gegangen oder vielleicht zu einem Tierarzt. Aber ich war spät dran, da tat es auch die Tierhandlung um die Ecke. Was glaubt ihr, habe ich da gemacht? Das Verrückte ist: Ich weiß es selbst nicht mehr. Mein Gehirn muss den Alltag in der Zoohandlung für so dröge befunden haben, dass mir nur noch eines in Erinnerung ist: Wie ich morgens die Aufgabe hatte, die Fische, die über Nacht in den Aquarien gestorben waren, in der Toilette der Zoohandlung runterzuspülen. 14 Tage tote Fische. Das blieb von meiner Idee, die Liebe zu Tieren vielleicht zum Beruf zu machen.

Was ich dabei gelernt habe: Ein großes Interesse für etwas im Alltag muss noch lange nicht bedeuten, dass man dieses Etwas zum Beruf machen sollte.

Zwei Jahre später hatte ich dann meinen ersten richtigen Nebenjob. Es war in einem großen Laden, in dem man alles rund um Baby und Kinder kaufen konnte: Kinderwagen, Autositze, Klamotten und Spielzeug. Damit verband ich persönlich überhaupt nichts, es war purer Zufall, dass ich dort gelandet war: Ich hatte einen Job gesucht – und sie jemanden, der ihn macht. Also stiefelte ich dahin und wartete darauf, dass man mir eine Aufgabe geben würde. Ich bekam auch eine: Ich sollte die Bälle im Bällebad putzen. Jeden. Einzeln. Ihr lacht vielleicht, aber im Ernst, das war meine erste Amtshandlung dort. Ich weiß nicht, ob das eine Art Aufnahmeritual war oder ob die Kollegin einfach keine Zeit hatte, sich mit mir zu beschäftigen. Was ich aber weiß: Es war mir völlig egal. Der Stundenlohn war gut, ich hatte keine Ambitionen und keine Erwartungshaltung.

Was ich dabei gelernt habe: Es kann auch echt okay sein, einen Job nur für das Geld zu machen. Zumindest eine Zeit lang. Nach einem halben Jahr nämlich lief ich am Bällebad vorbei, ohne es eines Blickes zu würdigen. Ich war aufgestiegen und beriet nun als Expertin werdende Eltern dabei, den perfekten Sitz für ihr Auto und ihr Kind zu finden.

Nach dem Abi wollte ich dann erstmal praktisch durchstarten, bevor ich mich für ein Studium entschied. Ich heuerte bei TV-Produktionen an, das klang aufregend und vielseitig. War es auch. In extremer Form. Besonders erinnere ich mich an einen Dreh, bei dem ich die Rolle des Produktionsassis hatte (den Namen habe ich mir nicht ausgedacht, das heißt wirklich so). Unter anderem war ich dafür verantwortlich, für die 50-köpfige Crew jeden Morgen Brötchen zu besorgen – wo auch immer wir gerade waren. Denn nichts ließ sich genau planen, oder besser: einhalten. Eine Schlüsselszene sollte vor einer Mauer spielen, die am Ende einer Sackgasse stand. Sackgassen mit Mauern sind in der Hauptstadt eher rar, wir hatten lange danach gesucht. An dem entscheidenden Morgen aber kam ich – als Produktionsassi die erste am Set – mit meinen 50 Brötchen dort an. Und die Mauer war weg, über Nacht abgerissen. Den Rest dieses traumatischen Tages habe ich verdrängt.

Was ich dabei gelernt habe: Ich mag Aufregung und Vielseitigkeit durchaus – wenn sie eher theoretischer Natur ist. Alles, was mit Eventmanagement oder dergleichen zu tun hatte, das pragmatisches Multitasking erforderte, schied von da an als Job für mich aus.

Was ich mit all dem sagen will: Es ist oft leichter zu verstehen, was man nicht will und nicht kann, als zu begreifen, was man will und gut kann. Joberfahrungen können noch so schräg oder langweilig oder überfordernd sein: Jede von ihnen zeigt uns etwas sehr Wichtiges darüber, was uns interessiert, was wir können, und was uns motiviert. Ein Job ist nie nur ein Job. Und deswegen hätte ich dem Sohn meiner Freundin sehr gewünscht, diese erste Erfahrung bald machen zu können.

Ich habe dann letztendlich Psychologie studiert und bin Journalistin geworden. Warum? Es gab auch noch mein erstes Praktikum in der achten Klasse, in der Lokalredaktion der Berliner Zeitung. In die damals noch verrauchte Bude bin ich am ersten Tag reingegangen – und wollte nicht mehr raus. Alles dort fiel mir recht leicht, alles dort fand ich interessant. Damals dachte ich noch, das sei wohl immer so. Aber auch in den anderen eher schrecklichen Jobs habe ich nach und nach etwas verstanden. Dass ich schnell einen Zugang zu Menschen finde in der Tierhandlung. Dass ich gut erklären kann im Baby-Laden. Dass mir selbst enormer Zeitdruck wenig ausmacht bei den TV-Produktionen. Und dass ich unfassbar gern Menschen und ihre Eigenheiten beobachte. Letzteres habe ich gelernt bei einem Job, den ich einen Sommer lang in einem interessanten Jeansladen hatte. Aber davon erzähle ich vielleicht ein anderes Mal.*

Photo by Creaslim on Unsplash

* Na gut, wer es wirklich wissen will: Ich habe dort viele leicht übergewichtige Herren beraten, die aber glaubten, Bundweite 30 zu tragen und mir das mit ungelenken Kniebeugen und Hampelmännern beweisen wollten, in der offensichtlich zu kleinen und engen Jeans. „Sehn‘ se, passt doch allet!“ Dabei habe ich viel über das menschliche Ego und den Unterschied zwischen Fremdbild und Selbstbild gelernt. Und über einfühlsame, aber klare Kommunikation.


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Beitragsbild: Photo by Ethan Haddox on Unsplash

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