Hierarchien haben zwei wesentliche Vorteile – doch es gibt eine Schattenseite

Lesedauer: 3 Minuten

Hierarchien, so könnte man meinen, genießen in der Arbeitswelt keinen besonders guten Ruf. So zumindest der Eindruck, wenn man Stellenanzeigen durchkämmt: Neben Floskeln wie „dynamisches Umfeld“ oder „kreatives Team“ taucht auch der Ausdruck „flache Hierarchien“ häufig auf. Ebenso häufig ist in den Schlagzeilen zu lesen, wie verschiedene Unternehmen in Experimenten den Versuch starten, weitgehend auf Hierarchiestrukturen zu verzichten.

Sind denn Hierarchien grundlegend schlecht? Ganz und gar nicht – es ist sogar wissenschaftlich erwiesen, dass sie uns sehr spezifische kognitive Vorteile schenken. Welche das sind, schreiben die Psychologinnen Emily Zitek und Taylor Phillips im Fachjournal Current Opinion in Psychology. Wir haben ihre wichtigsten Erkenntnisse für euch zusammengefasst.

  1. Hierarchien sind leicht zu verarbeiten – und sparen uns deshalb Zeit und Energie 

Wir Menschen sind kognitiv und neuronal so gestrickt, dass wir schon vom Kindesalter an automatisch, schnell und einfach Informationen verarbeiten, die im Zusammenhang mit sozialer Hierarchie stehen. Rangunterschiede zu erkennen, sei für Menschen sogar einfacher als das Verarbeiten anderer sozialer Beziehungen, schreiben die Psychologinnen. Aus diesem Grund neigen wir stärker dazu, sie zu mögen und zu fördern. 

Forschungen haben gezeigt, dass wir unterschiedliche kognitive und neuronale Reaktionen auf Menschen mit unterschiedlichen Rängen haben. Wir schenken Personen mit höheren Rängen mehr Aufmerksamkeit. Auch unseren eigenen sozialen Status nehmen wir automatisch wahr. Wir tragen eine Art „Hierarchometer“ in uns, es vergleicht uns in sozialen Situationen ständig mit anderen und gibt uns an, welchen Rang wir im Vergleich zu anderen haben.

Unsere Gehirne achten also automatisch auf Hierarchien und schätzen diese akkurat ein – und das schon im jungen Alter. Wenn wir hingegen in sozialen Strukturen stecken, in denen die Hierarchie nicht geklärt ist, finden wir das oftmals verwirrend. Ihr kennt es vielleicht von eurem Arbeitsalltag: Zu wissen, wer im Team welche Verantwortung hat und wer wem Aufgaben erteilt, hilft dabei, sich auf die eigenen Aufgaben zu fokussieren. Insofern schenken uns Hierarchien folgenden wesentlichen kognitiven Vorteil: Sie sind leicht zu verarbeiten und sparen uns Zeit und Energie.

  1. Hierarchien geben uns ein Gefühl von Kontrolle

Für uns Menschen ist Kontrolle ein Grundbedürfnis. Darauf zahlen Hierarchien ein, indem sie klare und vorhersehbare Strukturen geben. Deswegen sei auch das Risiko hoch, dass sich in unklaren sozialen Strukturen von allein informelle Hierarchien entwickeln, schreiben die Psychologinnen. Wenn wir zum Beispiel in einem Team an einem Projekt arbeiten, hilft es uns, unseren Kollegen klare Rollen und eine bestimmte Dominanz zuzuschreiben, da es uns – zumindest gefühlt – mehr Kontrolle über die Situation gibt.

Ein anderer Weg, sein Bedürfnis nach Kontrolle zu befriedigen, ist, seine Handlungsmacht auszudrücken. Das können wir besonders gut, wenn wir einen hohen Rang haben, der mit viel Macht einhergeht – denn dann besitzen wir mit einer höheren Wahrscheinlichkeit die Kontrolle über Ressourcen und andere Menschen. Wer einen hohen Rang hat, genießt zudem die damit einhergehende Autonomie. Deshalb ist es nicht überraschend, dass Menschen, die einen hohen Rang innehaben, ein hohes Interesse daran haben, die bestehende Hierarchiestruktur mit ihrem Verhalten aufrechtzuerhalten. 

Aber nicht nur Personen mit hohen Rängen sind Befürworter von Hierarchien. Auch Menschen mit niedrigerem Status neigen dazu, sie zu fördern. Das liegt zum einen daran, dass in fairen Hierarchien die Möglichkeit, einen höheren Rang zu erreichen, ein motivierender Faktor ist. Sprich: Wer denkt, dass er irgendwann einen höheren Rang erreichen wird, neigt eher dazu, Hierarchien zu unterstützen. Andererseits versuchen auch Menschen in ungerechten Hierarchien oftmals, diese als fair und legitim zu rechtfertigen – möglicherweise, um das Gefühl von Kontrolle zu behalten.

Hierarchien: Vorteile sind keine Rechtfertigung für unfaire Strukturen

Wir können also festhalten, dass die Arbeit in festen Hierarchiestrukturen aus zwei Gründen angenehmer ist, als in anderen Strukturen. Es ist einfacher, spart Zeit und Energie und gibt uns ein Gefühl von Kontrolle. Diese Vorteile haben allerdings auch eine Schattenseite, warnen die Psychologinnen.

„Wenn der Zeitpunkt kommt, an dem man eine unfaire oder illegitime Hierarchiestruktur ändern will, können diese kognitiven Vorteile zu einem Problem werden. Menschen sträuben sich generell vor Veränderung – und sie scheinen sich insbesondere Veränderungen in Hierarchien zu widersetzen.“ Die Autorinnen bestärken, dass die kognitiven Vorteile keine Ausrede sein sollten, um die Basis der Hierarchie nicht fairer zu gestalten oder generell nicht für mehr Gleichberechtigung in der gesamten Struktur zu sorgen. 

Sie empfehlen, in zukünftigen Forschungen den Fokus darauf zu legen, wie man in gleichberechtigteren Strukturen diese Gefühle von Einfachheit und Kontrolle steigern kann. „Wir wollen nicht, dass diese Vorteile von Hierarchien dazu führen, dass wir andere Strukturen außer Acht lassen, die eigentlich fair und funktionell wären.“


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