Im Home Office des Wahnsinns

Lesedauer: 3 Minuten

So. Es ist Zeit für eine Abrechnung. Zeit, sich einzugestehen, dass jeder erfüllte Wunsch auch das Risiko beinhaltet, dass man ihn irgendwann verflucht. Ich bin vom Schreibtisch auf das Bett gewechselt, um das zu schreiben. Denn die paar Schritte, bei denen ich über Hundespielzeug steige und dabei einen verächtlichen Blick auf die zwei Pakete in der Ecke werfe, die ich heute und gestern und vorgestern eigentlich zur Post bringen wollte, sind jetzt die unsichtbare Trennung zwischen meinem Berufs- und Privatleben – wenn ich von zu Hause arbeite.

Versteht mich nicht falsch: Ich arbeite sehr gerne an meinem Schreibtisch zu Hause. Regelmäßig in Ruhe im Home Office zu arbeiten, das war lange ein großer Traum von mir. Einer, der in vielen Jobs, in denen ich arbeitete, nicht ganz leicht umsetzbar schien – so wie in vielen anderen auch, wie Umfragen zeigen. Aber um euch einen kurzen Einblick zu geben, wie das in den vergangenen neun Monaten aussah: Im Frühjahr wie auf dem Bild oben, im Herbst wie auf dem Bild unten.

Klar, das hat nicht nur hier so ausgesehen. Es war eine Extremsituation ab März, vor allem für jene, die Kinder haben. Dieses Jahr ist der Wahnsinn – den wohl jeder in seinem persönlichen Home Office des Wahnsinns verbrachte. Die einen hockten mit ihrem Laptop in einer zu kleinen und dunklen Wohnung auf dem Holzstuhl in der Küche, um die Mitbewohner nicht zu stören, die anderen mit Partner und zwei Kleinkindern im Wohnzimmer des Eigenheims, immer versucht, das Mikro möglichst auszulassen in den Team Calls, damit keiner der Kollegen das Kreischen der Kids hört.

Für manche hat die Pandemie Entschleunigung bis Langeweile mit sich gebracht, andere kämpften bis zum Äußersten um ihre Existenz. Bei mir war es weder das eine noch das andere. Für Journalisten ist ein Thema, das alles im Alltag dominiert und an dem man nicht vorbei kommt, eine „Lage“. Corona, das ist eine Jahrhundertlage.

Ich leite beim Wirtschaftsmagazin Business Insider das Karriere, Leben und Wissen Ressort. Ein unbekanntes und potenziell tödliches Virus, das fällt in den Bereich Wissen. Anfangs, im März, war das furchtbar aufregend. Eine Eilmeldung nach der anderen flog herein, fast stündlich änderte sich die Situation, wurden Events abgesagt, kamen Politiker in Isolation oder Quarantäne, veröffentlichten Mediziner eine neue Studie zu diesem Virus, das eine hochkomplexe Gesellschaft lahmlegte – obwohl es nicht einmal ein Einzeller war.

Wie jeder andere Journalist, der in diesem Bereich arbeitet, habe ich in dieser Zeit im Frühjahr sehr lange und sehr viel sehr schnell gearbeitet. Es machte mir wenig aus. Ja, parallel war Homeschooling gefragt, Brüche in Dezimalzahlen verwandeln, die Photosynthese bei einer Paprika nachvollziehen, die Physik der Akustik darstellen. Aber ich sparte dafür den nicht ganz kurzen Weg in die Redaktion und konnte mich und mein Team trotzdem gut organisieren. Im Hintergrund lief die Waschmaschine, während mein Sohn Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland aufsagen übte und ich die neue Studie zur Mutation DG614 des Coronavirus las, die die Welt zu erobern schien, weil es den Erreger noch ansteckender machte.

In diesen ersten Monaten habe ich im Home Office gelernt, wie gut es mir geht, wenn ich in Zeiten hoher Anforderungen Familie und Job flexibel vereinbaren kann.

Jetzt, ein halbes Jahr später, ist DG614 immer noch überall in der Welt unterwegs, während ich noch immer viel zu Hause sitze. Die Aufregung, dem Virus hinterher zu jagen, ist noch da. Die Begeisterung fürs Home Office aber, die hält sich inzwischen in Grenzen. Nach wie vor bin ich zu Hause produktiv und weniger abgelenkt, nach wie vor mag ich das selbstbestimmte Arbeiten, auch, wenn es intensiv ist. Ich gehe in der Pause mit dem Hund in den Wald und atme durch.

Was ich aber inzwischen noch lieber mag: endlich Menschen um mich haben. Die mich motivieren, mich zum Lachen bringen, mit mir diskutieren, mich aus meinem Film rausholen. Die verhindern, dass ich den ganzen Tag mit mir und meinen Gedanken alleine bin.

Nichts kann miese Laune so schnell in Luft auflösen wie ein kurzes gutes Gespräch. Nichts kann Sorgen so schnell zerstreuen, und nichts so inspirieren und den Horizont öffnen. Das habe ich in letzten Monaten im Home Office gelernt.

In der Corona-Zeit war es für mich mit dem dauerhaften Home Office so, als würde man zu schnell mit jemanden zusammenziehen. Erst neu, unerwartet und aufregend. Dann aber merkt man, dass man zu viel Zeit miteinander verbringt und nicht wirklich gut aufeinander eingestellt war.

Daher jetzt also die Abrechnung. Liebes Home Office: Ich mag dich immer noch echt gerne, wirklich. Aber ich brauche mal ein bisschen Abstand. Morgen gehe ich ins Büro!

Photo by Vinicius „amnx“ Amano on Unsplash

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