Job kündigen oder nicht? Menschen macht es glücklicher, den Status Quo zu ändern

Lesedauer: 2 Minuten

Irgendwie ist die Luft raus im Job. Der neue Chef ist unsympathisch und macht ständig Druck, das Projekt derzeit ist dringend, aber langweilig, die Lieblingskollegen arbeiten inzwischen in einer anderen Abteilung. Sich am Montagmorgen auf die Arbeit freuen – das war einmal. Soll ich kündigen? Es gibt ja schließlich auch noch andere Jobs und andere Chefs. Mal was Neues machen würde mir gut tun. Aber ist jetzt der richtige Zeitpunkt? Ist das nicht Jammern auf hohem Niveau? Hat nicht jeder mal Zweifel? Und was, wenn ich nichts anderes finde? Oder wenn es im neuen Job auch wieder schrecklich ist… kann man ja nie wissen. 

So sah es schon in meinem Kopf aus in der Vergangenheit. Die Gedanken flatterten aufgeregt hin und her, und ich hatte das Gefühl, ich sitze daneben und schaue ihnen ziemlich ratlos zu. Immer, wenn ich das Gefühl hatte, eine Entscheidung treffen zu können, also für oder gegen einen neuen Job, dann kam doch wieder ein Gedanke vorbei geflogen, der sich in den Vordergrund drängelte und mich zweifeln ließ. Verrückt, oder?

Das war eine Fangfrage, denn es ist natürlich überhaupt nicht verrückt. Es ist ganz normal, dass wichtige, lebensverändernde Entscheidungen ein ziemliches Chaos im Kopf verursachen. Ich bin mir ziemlich sicher: So oder ähnlich sieht es in vielen Köpfen vieler Menschen aus, die Tag für Tag und Jahr für Jahr ihren Job machen, und nicht so richtig glücklich dabei sind. Sie zweifeln, während sie morgens ihren Kaffee trinken, im Büro in den Meetings sitzen, mal wieder eine Überstunde machen, im Stau auf dem Weg nach Hause stehen. Kündigen aber, das tun nur die wenigsten von ihnen. Denn kündigen bedeutet Unsicherheit, egal, ob man schon einen neuen Job in Aussicht hat oder nicht. Und Unsicherheit ist sehr, sehr schwer zu ertragen. Der alte Job mag ja dröge sein, unterbezahlt und nervenaufreibend – aber man weiß, was man hat. 

Eine neue Zukunft dagegen ist ungewiss und unsicher. Und Unsicherheit, vor allem in Jobangelegenheiten, ist für die Psyche extrem belastend. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Studien, die zeigen: Vergleicht man jene, die in einer wirtschaftlichen Krise arbeitslos werden mit jenen, die nur fürchten, ihren Job zu verlieren – dann geht es letzteren psychisch deutlich schlechter. Die Ungewissheit darüber, was sein könnte, scheint Menschen geradezu zu lähmen.   

Bei mir jedenfalls schien es so zu sein. Ich habe mich also gefragt: Wie geht es eigentlich anderen Menschen, die vor dieser Entscheidung standen, und die sich tatsächlich dazu durchgerungen haben, ihren ungeliebten Job zu kündigen und etwas zu verändern? Klar, da liest man immer Geschichten wie die vom Software-Entwickler, der seinen Job aufgegeben hat, um mal eben einen neuen Radiosender zu gründen, aber ist das vergleichbar? Ist der nicht ein Einzelfall, vielleicht besonders mutig, gut vernetzt, finanziell abgesichert? Also eventuell nicht wie ich, mit so viel Chaos im Kopf?

Die einfache Antwort ist: nein. Diese beruhigende Versicherung kommt vom US-Ökonomen Steven Levitt von der University of Chicago. Er sagt: Menschen, die überlegen, ihren Status Quo zu ändern, geht es im Schnitt immer besser, wenn sie es tatsächlich tun. Zeigen konnte er das in einer Studie, die im Fachmagazin „The Review of Economic Studies“ erschienen ist. Levitt hat sich die Mühe gemacht, zu untersuchen, wie es ganz normalen Menschen geht, nachdem sie eine lebensverändernde Entscheidung getroffen hatten. Und das Wichtige dabei: Sie waren vorher sehr unentschlossen. 

Ein Jahr lang lud er Leute ein, auf seine Webseite zu gehen und sich eine der Fragen dort auszusuchen, die sie im Kopf herumwälzten und nicht entscheiden konnten. Neben: „Soll ich meinen Job kündigen?“ waren auch dabei: „Soll ich meinen Partner verlassen?“ oder „Soll ich versuchen, mit dem Rauchen aufzuhören?“. Auf der Webseite konnten sie eine virtuelle Münze werfen, die ihnen dann die Entscheidung vorgab. Klingt verrückt, ist es wohl auch, aber die Leute machten mit. Insgesamt 20.000 Entscheidungen wurden so getroffen, und Levitt fragte bei seinen zuvor ratlosen Teilnehmer nach einem halben Jahr noch mal nach: ob sie die Veränderung tatsächlich durchgezogen hatten, und wie es ihnen – so oder so – ergangen war.

Das Ergebnis war sehr klar und sehr simpel: Selbst, wenn die lebensverändernde Entscheidung durch einen banalen Münzwurf zustande kam, waren die Teilnehmer ein halbes Jahr später nicht nur zufrieden mit ihrer Entscheidung und gaben an, dass sie sich wieder so entscheiden würden – sie waren auch glücklicher als die anderen, die nichts am Status Quo geändert hatten. Auch wenn die Gesellschaft lehre, dass Gewinner nie aufgeben, sagt Levitt dazu, wären diesem Ergebnis nach wohl alle besser dran, öfter mal aufzuhören, aufzugeben oder zu kündigen. „Eine gute Faustregel bei der Entscheidungsfindung lautet: Wann immer Sie sich nicht entscheiden können, was Sie tun sollen – wählen Sie die Handlung, die eine Veränderung darstellt, anstatt den Status quo beizubehalten.“

Das sagt sich natürlich so einfach als Forscher. Steven Levitt muss mit meinem neuen Job dann ja auch nicht leben, sondern kann weiter seine interessanten Experimente im zauberhaften Chicago machen. Aber ich muss zugeben: Was einige meiner Job-Entscheidungen angeht, hatte er definitiv recht.

Ihr wollt das auch probieren? Im Moment ist das Experiment abgeschlossen, ihr könnt aber hier auf Steven Levitts Webseite nachschauen, wann man wieder Münzen werfen kann. Und hey: Eine Münze habt ihr sicher auch zu Hause. Also kein Grund, die Entscheidung, vor der ihr euch gerade drückt, bis dahin auf die lange Bank zu schieben!

Die Studie zum Nachlesen findet ihr hier. Und übrigens: Steven Levitt hat 2007 das Buch „Freakonomics“ zusammen mit Kollegen herausgegeben – es wurde zurecht ein internationaler Bestseller. Auf der Webseite zum Buch findet ihr zum Beispiel „Freakonomics Radio“: einen Podcast rund um Entwicklungen im Arbeitsleben. Viel Spaß damit!

Photo by Andriyko Podilnyk on Unsplash

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